Krusenstern goes Prink
July 21st, 2008Jürg Vollmer, ehemaliger Journalist, Krusenstern-Autor, Preisträger und Publizist, Kommunikationschef und Chefredaktor, jener Jürg Vollmer, der es nicht unterlassen wollte, mich aufs übelste zu beschimpfen, weil ich ihm nahegelegt hatte, die Autorschaft seiner von ihm publizierten Blogbeiträge offener zu kommunizieren – hat dazugelernt: Er erwähnt die Gast-Autoren nicht mehr als Quellen, sondern als Autoren. Und dies sogar an der Stelle, wo die Namen auch hingehören. Chapeau!
Jürg Vollmer, der nach eigenem Bekunden sehr viel von Anstand hält, es sei denn, er beschimpfe mich gerade, wird sich – nun, da er meinem Einwand entsprochen, mir also recht gegeben hat – wohl nächstens bei mir entschuldigen.
Oder vielleicht wird er es dennoch nicht tun, denn ich hatte daneben ja auch seinen etwas gewöhnungsbedürftigen Umgang mit Quellen und der Kenntlichmachung von Zitaten moniert.
Ich fürchte also, dass mir weitere Unbilden nicht erspart bleiben werden, wenn ich auf folgenden Beitrag hinweise: Swetlana Geier: “Nase hoch beim Übersetzen!”
Ein interessanter Artikel. Geschrieben nach dem System “W+W” (Wikipedia plus Waschzettel). Es lässt sich wiederum nur vermuten, in welchen Textpassagen seine erwähnten Quellen zum Tragen kommen und wo nicht. (Jürg Vollmer lebt nun mal nicht auf Gänsefüßchen.)
Die originärste Aussage wird wohl sein: “… denn in der russischen Kultur gibt es weder Schuld noch Sühne.” So Jürg Vollmer – aber er behauptet von sich ja auch: “Ich (er-)lebe Russland und seine Kultur jeden Tag.” – Молодец!
Am interessantesten ist jedoch die Quelle, die nicht aufgeführt ist: Ulrich M. Schmids Artikel “Zwischen den Kulturen”, erschienen in der NZZ vom 24. Mai 2008. Im Vergleich mit ihm lässt sich Jürg Vollmers Ringen um den jeweils adäquaten Ausdruck nachvollziehen. Zugleich erleichtert diese Arbeitsweise eine Aussage wie: “Ich stehe mit meinem guten Namen für jedes Wort, das ich geschrieben habe und noch schreiben werde.” Mit Betonung auf dem zweiten “ich”.
Ulrich M. Schmid:
Swetlana Geier blickt auf ihr bewegtes Leben zurück, das sich sowohl zwischen Stalin und Hitler als auch zwischen Dostojewski und Goethe abgespielt hat.
Krusenstern:
… ist aber das unglaubliche (Über-)Leben von Swetlana Geier, das sich sowohl zwischen Stalin und Hitler als auch zwischen Dostojewski und Goethe abgespielt hat.
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Ulrich M. Schmid:
Im September 1941 massakrierte die SS in der Schlucht Babij Jar einen Grossteil der jüdischen Bevölkerung von Kiew. Swetlana hörte das Maschinengewehrfeuer mehrere Tage lang; sie sollte bei der Massenhinrichtung eine gute Schulfreundin verlieren.
Krusenstern:
Im September 1941 massakrierte die deutsche Wehrmacht in der Schlucht Babi Jar * Бабий Яр einen Grossteil der jüdischen Bevölkerung von Kiew. Swetlana musste mehrere Tage lang dem Maschinengewehrfeuer zuhören, mit dem pro Tag über 15.000 Menschen hingerichtet wurden, darunter auch ihre beste Schulfreundin Neta.
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Ulrich M. Schmid:
… als feinsinnige Stilistin, die auch noch den feinsten Schwingungen der russischen Sprache nachhorcht und sie im Deutschen nachmodelliert. Swetlana Geier übersetzt mündlich: Sie lernt erst den Originaltext auswendig und diktiert dann die deutsche Fassung, die sie später minuziös überarbeitet.
Krusenstern:
Swetlana Geier sollte nicht “am Text kleben”, sondern den feinsten Schwingungen der russischen Sprache nachhorchen und sie im Deutschen nachmodellieren, weshalb sie bis heute mündlich übersetzt. Sie lernt erst den Originaltext auswendig und diktiert dann die deutsche Fassung, die sie später minuziös überarbeitet.
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So weit, so ungut! (Auf Abführungszeichen könnte ich ja noch verzichten, die denke ich bei Krusensternartikeln schon mal mit. Aber die Anführungszeichen!)
Nun kommt noch dazu: Dieser Artikel ist der besonderen einer. Er hat nämlich Krusenstern zu folgender Headline beflügelt: “Krusenstern goes Print: Swetlana Geier-Porträt wird Zeitschriften-Titelgeschichte”.
Weshalb er so einen Bohei drum macht, ist mir nicht ersichtlich. Da wird also ein Artikel, den Jürg Vollmer für sein Blog zusammengeschustert hat, im vierteljährlich erscheinenden Gönnermagazin “Dialog” der Schweizerischen Blindenbibliothek SBS publiziert, dessen Chefredaktor Jürg Vollmer ist.
Oder kürzer: Der Chefredaktor des “Dialog” freut sich wie ein Schneekönig, dass sein eigener Artikel im von ihm chefredigierten Magazin aufgenommen worden ist …
Weshalb das so ist, und von wem er dazu ein Placet brauchte, will ich nicht hinterfragen. Aber ich bin gespannt darauf, wie er das Problem mit den Tüttelchen, der Autorschaft und den Quellen im Print gelöst hat. Werden dann “unvollständige Fakten” bei “entsprechenden Rückmeldungen” ebenfalls “selbstverständlich umgehend korrigiert”?


